Süddeutsche Zeitung 07.10.2000
"Open Space kann unmittelbar radikale Veränderungen auslösen."

Harrison Owen hat die Konferenzmethode Open Space Technology (OST), die sich besonders für Großgruppen eignen soll, in den achtziger Jahren begründet. Die SZ sprach mit ihm über seine Arbeit

SZ: Mister Owen, Sie haben sich ein Verfahren ausgedacht, in dem Gruppen von mehreren hundert Menschen mittels sehr weniger, einfacher Regeln an Projektideen arbeiten. Wozu braucht man so etwas?
Owen: Die Entwicklungen laufen heute immer rasanter ab - auch die Fluktuation in den Chefetagen. Kaum ein Unternehmen hat Zeit für die Realisierung langfristiger Strategien. Mit Open Space können radikale Veränderungen unmittelbar initiiert werden. Insofern entspricht mein Ansatz eigentlich nur den heutigen Rahmenbedingungen.

SZ: Eignet sich denn die Methode Ihrer Ansicht nach für alle Organisationen gleichermaßen?
Owen: Am wirksamsten ist Open Space, wenn die Strukturen einer Organisation sehr komplex sind. So komplex, dass die erforderliche Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen nicht mehr funktioniert. Hier kann die OST tief greifende, zum Teil radikale Veränderungen auslösen, die vielleicht die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sicher stellen.

SZ: Wie geht man dabei vor?
Owen: Das Einzigartige besteht gerade darin, dass Open-Space-Veranstaltungen vollständig auf Selbstorganisation beruhen. Dadurch soll ein Empowerment des Einzelnen ermöglicht werden - und damit auch der gesamten Organisation.

SZ: Wie groß dürfen die Gruppen sein?
Owen: OST ist geeignet für Gruppen von zehn bis hin zu über 1000 Mitgliedern. Das Einbeziehen sehr vieler Mitarbeiter rechtfertigt sich jedoch vom Aufwand her nur bei Themen, die für alle wirklich wichtig sind.

SZ: Wenn alles selbstorganisiert ist, welche Rolle spielt dann der Moderator, der so genannte Facilitator?
Owen: Die Persönlichkeit des Facilitators selbst ist Initiator und Garant der Kulturveränderung. Es ist nicht sein Job, in irgendeiner Weise in den Prozess einzugreifen. Dennoch ist seine authentische Präsenz von ausschlaggebender Bedeutung. Er hält sich im Hintergrund und dennoch in Bereitschaft.

SZ: Wie lange dauert eine solche Konferenz?
Owen: Die übliche Konferenzdauer beträgt zweieinhalb Tage. Jede Gruppensitzung dauert etwa 90 Minuten, zwei vormittags, zwei nachmittags. Somit hat jeder die Chance, in sechs bis acht verschiedenen Fokusgruppen mitzuwirken. Denn niemand muss ständig in derselben Gruppe bleiben. Das ,Gesetz der zwei Füße' lautet: Gehe immer dahin, wo Du lernen oder einen Beitrag leisten kannst.

SZ: Müssen Open-Space-Veranstaltungen regelmäßig stattfinden oder reicht ein einziges Mal aus?
Owen: In vielen Fällen reicht eine Veranstaltung. Dadurch werden wichtige Veränderungsprozesse in Gang gesetzt. Mitunter, wenn die Weiterentwicklung im Unternehmen stagniert, sind weitere OS-Konferenzen erforderlich. ABB Schweiz hat eine Serie von sechs Open-Space-Konferenzen innerhalb von zwei Jahren veranstaltet, als Instrument einer breit angelegten Kulturveränderung.

SZ: Es gibt ja auch andere Großgruppenmethoden, etwa die Zukunftskonferenz oder den Whole Scale Change. Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz von denen?
Owen: Beim Open Space gibt es keine vorab festgelegte Agenda und keinen genauen Ablaufplan, sondern nur das Rahmenthema. Die Gruppe selbst ist initiativ und sorgt für die Agenda, die Aktionspläne und Problemlösungen. Im Gegensatz dazu steht bei Whole Scale Change und der Zukunftskonferenz der Moderator im Vordergrund, er führt die Gruppe, gibt Aufgaben und Ziele vor. Das wäre beim Open Space undenkbar.

SZ: Viele Führungskräfte verzichten auf Anregungen und Vorschläge ihrer Mitarbeiter. Häufig haben sie Angst, Einfluss zu verlieren. Wie machen Sie diesen Managern Ihr Vorgehen schmackhaft?
Owen: Ich sage ihnen, dass sie die Wahl haben, ein erfolgreiches Unternehmen zu führen und viel Geld zu verdienen - oder weiterhin in einem existenzgefährdeten Unternehmen mit demotivierten Mitarbeitern zusammenarbeiten zu müssen. Ich habe es schon erlebt, dass Manager, die Open Space als Alibiveranstaltung nutzen wollten, ihren Posten aufgeben mussten. Zu stark war der Gruppenprozess, den die Konferenz auslöste, im Unternehmen effizienter zu arbeiten. Natürlich bereite ich die Führungskräfte darauf vor, dass ihre Mitarbeiter motiviert und empowered aus der Konferenz kommen. Wenn ihnen das zu gefährlich ist...

SZ: Viele Management-Methoden waren vergängliche Modeerscheinungen, etwa das Business Reengineering. Haben Sie nicht die Sorge, dass Open Space dasselbe Schicksal blüht?
Owen: Nein. OST ist wie eine Lawine, In lebenden Systemen wirkt sie aus sich heraus. OST ist kein "tool" und kann lizenzfrei angewendet werden, somit fördert es keine Guru-Allüren. Dadurch findet die Methode breite Zustimmung auf der ganzen Welt. Ein Vergleich: Das Internet ist der größte Open Space. Glauben Sie, das Internet wird an Bedeutung verlieren?

Interview: Michael Gestmann